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Brutal reale Portraits

Portraits: Männerportrait in Schwarz / Weiss. Danke an Steve

 

Brutal Real: Portraits wie aus der Dunkelkammer

Die melancholische Sehnsucht eines Photographen

Ich hab zu einer Zeit mit dem Photographieren von Portraits angefangen, in der es noch Kameras gab, die man mit einem Film bestücken musste, um zu photographieren. Wenn der Film belichtet war, folgte ein recht komplizierter Prozess. Der Film musste entwickelt werden. Hierfür legte man in absoluter Dunkelheit den Film in eine Entwicklungsdose ein. Wenn dies geschehen war, begann man damit, den chemischen Entwickler, der genau auf 20° C temperiert war, in die Entwicklungsdose einzufüllen. Die Stoppuhr war ein wichtiges Instrument. Sie zeigte nicht nur die Zeit an, zu der der Film fertig entwickelt war, sondern gab auch die minütlichen Intervalle der Bewegung der Entwicklungsdose an. Minütlich wurde der Film sanft in der Entwicklerflüssigkeit bewegt. Nach Ablauf der Entwicklungszeit wurde der Entwicklungsprozess mittels eines Stopbades aus Essigsäure unterbrochen. Dann wurde der Film mit einem Fixierbad fixiert. Es folgte abschliessend eine Wässerung, um die in den verschiedenen Filmschichten verbliebenen Chemikalien auszuspülen. Ein wenig Netzmittel wurde zum Schluß in das Wasserbad gegeben, um Trocknungsflecke zu vermeiden. Und dann kam der alles entscheidende Moment, ein Moment der Magie. Die Entwicklungsdose wurde geöffnet und man konnte zum ersten Mal das Ergebnis seiner eigenen Arbeit ansehen, wenn auch nur als Negativ.

 

Klassiches Portrait. Danke an Fabian

 

Analoge Bildbearbeitung: meist reicht eine Belichtung nicht aus

Um aus diesem Negativ-Bild ein Positiv Bild zu erzeugen, musste man das Negativ in die Dunkelkammer ausarbeiten. Dieser Prozess ist der Filmentwicklung ähnlich, jedoch ist das Photopapier nicht so lichtempfindlich, wie der Film. Rotes Licht beeinträchtigt das Ergebnis der Belichtung und Entwicklung nicht. Photographen verbrachten zu dieser Zeit also sehr viele Stunden in rötlich- schummrig beleuchteten Kammern ohne Fenster.

 

Frauenportrait, ungeschönt. Danke an Susanne

 

Die Dunkelkammer: Genauigkeit und Sauberkeit als Bedingung

Der eigentliche Prozess, der Positv Entwicklung war kompliziert. Das Negativ wurde sanft gereinigt und auf diesem Weg von Staub befreit. Dann legte man dieses Negativ in die ebenfalls gereinigte, staubfrei Glasbühne ein und setckte diese in einen Vergrösserungsapparat, der das Negativ auf die Grundfläche projeziert. Im Prinzip ist der Vergrösserer ein Projektor, der ein spezielles Objektiv aufnimmt. Um zu der richtigen Belichtungszeit und Gradation des Paiers zu gelangen, belichtete man einen Teststreifen aus Photopapier in unterschiedlichen Zeitintervallen. Dieser wurde entwickelt, gestoppt, fixiert und gewässert.
So hatte man nun die richtige Belichtungszeit (hoffentlich) und begann damit, das Bild auszuarbeiten. Eine Belichtung eines Bildes wurde gemacht. Dann kam der für mich schönste Moment. Wenn man das belichtete Blatt Photopapier in die Entwicklerflüssigkeit eintauchte, begannen sich langsam leichte graue Schleier auf dem Papier zu bilden, die dann immer dunkler wurden und langsam das Bild zeigten. So tauchten wie durch Zauberei in der Entwicklerschale Portraits auf. Wiederum ein magischer Moment. Das Stoppbad und die Fixierung folgten wiederum und die Wässerung. Nun konnte man das belichtete Bild bei Tageslicht betrachten.

 

Männerportrait im Querformat. Danke an Khaled

 

Auch zu analogen Zeiten: Manipulation am Bild

Meist war das Ergebnis jedoch nicht so, wie man es sich vorgestellt hat. Einige Bereiche des Bildes waren zu dunkel, andere zu hell. Also musste das Papier mehrfach belichtet werden. Die zu hellen Stellen wurden mit Hilfe eines Kartons, der ein kleins Loch hatte, nachbelichtet, die zu dunklen Stellen mit der Hand oder kleinen Pappschablonen, die man mit einem Drachtstück verbunden in den Lichtstrahl des Projektors hielt “abgewedelt”. Um ein perfektes Ergebnis zu erzielen, waren meist mehrere Versuche nötig. Ich erinnere mich daran, meist zwischen 25 und 35 Minuten an einem Bild gearbeitet zu haben. Bei Portraits konnte ea auch schon einmal eine Stunde dauern.

 

Frauenportrait in Schwarz Weiss, ohne Hautretusche. Danke an Wulla.

 

Verlust der Magie in der Photographie: trotzdem kein Weg zurück

Die heutige digitale Photographie hat an manchen Stellen die Magie verloren, die ich damals empfand. So kam mir die Idee, mittels der heutigen Möglichkeiten die Ergebnisse nachzuempfinden, die ich damals erzielt habe. Ich dachte an Schwarz/Weiss Bilder, Portraits, die ich mit Photoshop so bearbeiten wollte, wie ich es früher in der Dunkelmkammer getan hätte. Also keine Hautbearbeitung oder Beauty Retusche, die wie Porzellan Puppen- Portraits aussehen, sondern nur das partielle Aufhellen oder Abdunkeln von Bildpartien, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Die Ergebnisse sind ungeschönt – pure, ehrliche und direkte Portraits. Deshalb habe ich diese Serie “Brutal real” genannt.

 

Schwarz Weiss Studio-Portrait aus meinem Photostudio in Remscheid / Germany. Danke an Anne

 

Perfekte Schwarz Weiss Bilder in Photoshop

Nachdem das digitale Zeitalter angebrochen war, wurde zuerst das Konvertieren von digitalen Photos in Schwarz Weiss zum Problem. Das einfache “Umschalten” auf Grauwerte brachte keine wirklich guten Ergebnisse. Eine weitere Möglichkeit, die farbigen Rohdaten in eine Schwarz Weiss Version zu verwandeln, war der Kanalmixer. Man stellte über die RGB Kanäle die einzelnen Grauwert – Verschiebungen ein. Das war ein sehr umständliches Verfahren, welches nur nach längerem Ausprobieren ein einigermassen ansehnliches Ergebnis brachte. Mit Photoshop, Lightroom oder Capture One lassen sich heute sehr schön die Umwandlungen der einzelnen Farbbereiche eines Bildes einstellen. Das Ergebnis ist sehr fein differenziert und es ist mittlerweile möglich, die Dinge, die man in der Dunkelkammer tat perfekt zu simulieren und sogar noch besser zu machen. Die Ergebnisse sprechen für sich.

 

Schwarz Weiss Charakterportrait aus meinem Photostudio in Düsseldorf

 

Die reale Person und ihr Portrait

Bei all den Gedanken über Konzepte und Bildbearbeitungsprogramme darf eines nicht zu kurz kommen: das echte, reale Portrait. Denn egal, auf welche Weise ich einen Menschen portraitiere, ob auf Film oder auf einen Computer-Chip, am Ende ensteht etwas – ein Bild. Ich denke über Portraits, dass sie einen Dialog zwischen zwei Menschen zeigen. Der eine steht vor und der andere hinter der Kamera. Und bei allen Portraits sieht man auch etwas von dem Menschen, der hinter der Kamera steht und auf dem Bild nicht zu sehen ist.
 

Brutal Reale Portraits: Der Remscheider Künstler Boris Meißner in S/W

 

Ich werde weiter an diesem Portraits Projekt arbeiten.